War sie die erste, der dieses Schicksal wiederfuhr? Wie viele Gebeine lagen schon unter der Hütte verscharrt? Was mussten die anderen Frauen erdulden? Die Gedanken kreisten unablässig in ihrem Kopf und brachten sie an den Rand des Wahnsinns. Sie liebte das Bindungslose, obwohl es ihr zu schaffen machte. Immerhin fühlte es sich ein wenig nach Freiheit an. Genau das, was ihr jetzt fehlte. Sich festzulegen war das, wovor sie seit einiger Zeit weglief. Doch dem sollte sie sich jetzt stellen müssen.

Er kam aus dem Nachbarzimmer mit zwei merkwürdig anmutenden Keramiksteinen in den Händen. Die Steine waren an der langen Seite leicht nach innen gebogen und hatten tischtennisballgroße Noppen überall. Nachdem er sanft ihren Kopf angehoben hatte, legte er ihr einen Stein in die Nackenpartie. Zornigen Blickes ließ sie sich sein Handeln nur widerwillig gefallen. Sie spannte wehrhaft die Nackenmuskulatur an. Der Stein schmerzte sehr am Hals. Ein erneuter Schub unnachgiebiger Verachtung schoss ihm entgegen.

"Willst du mir noch etwas sagen?" fragte er diese Regung erwidernd und brach damit sein eigenes Schweigegebot spontan. Er zog den Knebel nach unten über ihr Kinn. Überrascht über die Chance ihr verloschenes Sinnesorgan wieder gebrauchen zu können, fiel ihr nur eine angemessene Reaktion ein. Sie spuckte ihn an und genoss den Augenblick ihres kurzen Triumpfes in vollen Zügen.

Als wenn er es erwartet, ja es sich gewünscht hatte, lächelte er zufrieden und verschloss ihren rachsüchtigen und doch zuckersüßen Schlund erneut. Er unternahm jedoch nichts wegen der wortlosen Antwort in seinem Gesicht. Sie hatte seine linke Wange und sein linkes Auge getroffen, welches er nun geschlossen hielt. Wie ein heilsames Lebenselixier trug er den Ausdruck ihrer Abscheu immer noch an sich. Spürte sie etwa Stolz bei ihm? War es genau das, was er wollte?

Er wurde immer rätselhafter. Auf erschreckende Weise, das musste sie sich schweren Herzens eingestehen, machte ihn sein merkwürdiges Verhalten aber auch anziehender. Der flüchtige Moment des Sieges ließ sie für einige Minuten ihre hoffnungslose Lage vergessen. Sie erwischte sich dabei, wie sie ihm einen winzigen Spalt der Sympathie öffnete. Gleichzeitig dachte sie, dass ihre gemeinsamen Taten ein schräges, aber dennoch unheimlich anregendes Vorspiel sind. Wenn dort nicht die Bedrohung aus Hirschhorn und kaltem Edelstahl auf dem Nachttisch liegen würde.