Der letzte Sonnenuntergang war unbeschreiblich schön. Kurz bevor sie die Hütte betrat, gönnte sie diesem Naturwunder noch einige Augenblicke. Das Firnament versank in purpurroter Fülle, die zarten Wolken strahlten um die Wette. Welche Figur des Himmels würde wohl ihr Auge am längsten fesseln? Sehnsüchtig den schwindenden Tag beseufzend, füllte sie ihre Lungen nochmal mit der klaren kühlen Bergluft. So schmeckte das friedvolle Leben.

Zufrieden mit ihrer Entscheidung den Weg hinauf genommen zu haben, war sie ihm begegnet. Ein paar Stunden später regte sich Reue in ihr. Erste Tränen der Wut rannen ihr liebliches Antlitz hinab. Noch nie in ihrem Leben wurde sie so hintergangen. Sie schwor sich beim Leben ihrer Liebsten, dass er dafür bezahlen muss. Falls sie das vor ihr Liegende überlebte.

Er nahm ein sanftes Wimmern ihrer Stimme wahr, wehklagend ob dieser leidlichen Situation. Das Spiel ihrer Augen begann seine Färbungen auszuweiten. War sein Blick selbstsicher, wissend, ja mitunter weise, war ihrer genau das Gegenteil. Die ersten Anzeichen der Ohnmacht steigerten sich abwechselnd in bodenlosen Zorn und unendlichen Hass. Dabei vergrößerten sich die Kapillargefäße in der Aderhaut ihrer Augen um ein Vielfaches des normalen Maßes. Fast wirkte es so, als wolle sie mit giftigen Blickpfeilen alles Ungemach der Welt auf ihn abschießen.

Er genoss jeden Atemzug dieses Schauspiels. Hatte er sich doch die Regeln schon lang zuvor ausgedacht. Hatte jeden kleinsten Handgriff ersonnen und wusste ihre Reaktionen im Voraus. Zu oft war er morgens mit dem Gedanken aufgewacht, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie ihm ganz allein gehören würde. Wenn sie keine Chance hätte ihre Spielchen zu spielen, bei dem es stets nur eine Gewinnerin gab: Sie selbst.

Zu tief hatte sie ihre Wurzeln in seine Seele geschlagen, nicht ahnend was das für sie und ihn bedeutete. Sie hatte ihn verzaubert und manchmal fiel ihr auf, dass ihn das zunehmend merkwürdig machte. Er wusste Dinge über sie, die sie ihm nicht verraten hatte. Ihre Gefühle konnte er besser lesen als jeder andere, den sie bisher kennenlernte. Warum hatte er Zugang zu ihrer Seele? Warum nutzte er die Situation so gnadenlos aus? Sie dachte für Sekunden daran, dass er ihr seine Liebe schwor und erinnerte sich, dass sie sein Geständnis damals sehr aufrichtig empfand. Und nun das.