Zu intensiv war seine Nähe. Zu groß sein Verlangen danach, dass sie sich ihm vollkommen öffnete. Hatte sie sich doch gut einrichtet in diesem Vagabundendasein. Heute der, morgen der. Keine Bindungen, keine Pflichten. Aber auch keine tiefen Gefühle. Nie wieder verletzt werden, nie wieder diese Demütigung spüren, die sie erlebte, als ihre letzte Liebe ihre Empfindungen mit Füßen trat. Immer und immer wieder. Dann lieber verzichten. Auf diese wundervollen Momente inniger Zweisamkeit, die sich möglicherweise auch ins Gegenteil verkehren konnten. Leider verletzen einen immer die Menschen am meisten, die einem am nächsten stehen. Eine neue Woge der Lust überkam sie.

Sie berührten ihre Körper mit der Zärtlichkeit von Monaten ohne einander. An diesen Gesten war nichts stürmisch. Sie wussten, dass die Zeit diesmal auf ihrer Seite war. Schließlich hatten sie vor, mehrere Wochen gemeinsam zu verbringen. Ein kleines Wunder eigentlich, aber dennoch wirklich. In den vergangenen Monaten hatten sie viel Vertrauen zueinander gefasst. Auch wenn ihnen das innere Loslösen nicht leicht fiel, zusammen hatten sie ein Gefühl der Geborgenheit, welches sie so bei anderen nicht spürten. Es hatte etwas Besonderes, denn es fühlte sich manchmal an wie zuhause.

Sie hatten Satya vereinbart, ein Prinzip der alten Yogis, welches zur Wahrhaftigkeit ermunterte. Sich gegenseitig immer die Wahrheit zu sagen, war schwierig. Denn ehrlich macht einsam. Kaum zu glauben wie sehr das menschliche Zusammensein auf gegenseitigem Theater beruht. Ob Komödie oder Tragödie, in Gruppen spielt jeder seine Rolle so gut es geht. Aus guten Gründen. Doch in einer vertrauten, hingebungsvollen Liebe liegen die Masken beiseite. Die Bühne ist kein Ort auf dem allzu lange verweilt wird.

"Wenn du ich bist, dann sind meine Ängste deine." Verwundert über diese spontane Bemerkung senkte sie ihren Kopf zu Boden. "Ich will mich dir hingeben und muss mich trotzdem schützen. Bei dir habe ich das Gefühl, ich muss das tun. Was du mit dir tust, tut mir weh" sagte er. Es war schwierig ihr Verhalten zu erklären, aber er spürte ihren Schmerz. Intensiv und über alle Entfernungen hinweg. "Was ist das mit uns?" hörte er sich fragen. Allerdings formulierte seine Stimme diese Worte nicht hörbar für sie.

"Ich brauche deine Nähe. Sonst geht es mir schlecht. Und wenn du dann da bist, dann will ich dich nur für mich." Er verstand in Ansätzen, warum Männer in bestimmten Kulturen ihre Frauen dazu brachten ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu verbergen. Dies war nicht nur ein Zeichen der Gottesfürchtigkeit, es war eine Art Selbstschutz. Für Mann und Frau. Für ihn waren es ihre unendlich tiefen haselnussbraunen Augen, in denen er sich verlor. Ihre milchkaffeefarbene Haut, die so zart war wie die Berührung eines Schmetterlings. Die dunklen langen Haare, die ihrer Schönheit schmeichelten, wenn sie sie offen trug und die so verlockend dufteten, dass er dort mit seinem Gesicht am liebsten für ewig verweilen würde.