Die Augen sind der Spiegel der Seele. Heißt es. Bei ihr konnte er hinein sehen in die bodenlose Tiefe unzähliger Lebenswege, die sie schon auf dieser Welt wanderte. Es war so, als würden sich ganze Kulturen in ihr vereinen. Sie hatte etwas von dieser zeitlosen Eleganz, die Menschen haben, wenn sich in ihrem Wesen die Geschichte von Generationen bündeln. Doch trug sie schwer daran. Sie hatte nie richtig Zeit sich von den Strapazen der verschlungenen Pfade zu erholen. Unablässig ruderte das große Ganze ihre Seele von Körper zu Körper.

Ihr Kuss war sanft. Ihre Lippen waren von einer zurückhaltenden Schmackhaftigkeit und ähnelten dem Genuss der ausgeschälten Innenseite einer reifen Honigmelone. Genau an der Stelle, wo das wabbelig Kernige auf das Fruchtfleisch trifft. Es war nicht diese übertriebene Industriesüße, die alles zudeckt und einem vorgaukelt sich geborgen zu fühlen. Nein, es war eher dieses harmonische Gefühl des heilen Ganzen. Der Gaumen wird zwar nicht so intensiv umschmeichelt, aber der Körper auch nicht so heftig verstört.

Sie liebten sich auf eine bekannt unbekannte Art. Als wenn sie sich schon öfter begegnet waren. In früheren Leben als sie viel Zeit miteinander verbrachten. Ihre gegenseitige Zuneigung muss über Jahrhunderte gewachsen sein. Wieso sonst sollten sie sich immer wieder verzeihen? Und sich wieder ohne Vorurteile aufeinander einlassen. Immer gedenk der schwebenden Gefahr erneut verletzt zu werden.

Fühlt es sich so an auf dem Hochseil der Liebe? Das entweder das unbeschwerte Gefühl der vollkommenden Freiheit schenken würde oder beiden den gnadenlosen Abgang auf den harten Boden der verdrängten Wirklichkeit bescherte. Der eigenen wohlgemerkt. Beide spürten die Verletzlichkeit des anderen und waren ratlos, was sie im Angesicht dieser Drohung anstellen sollten.

Beim letzten Treffen wirkten ihre Herzen auf betrübliche Art und Weise blockiert. Der Sandstrahl des Lebens hatte sie gehörig gezeichnet und die Wunden der Vergangenheit schmerzten zu sehr um sich ohne Scheu zu öffnen. Zu Schade, hatten sie doch so lange darauf gewartet. Alle Vorfreude schien verflogen im Moment gegenseitiger Nähe. Ihr Verlangen war da, ihr Wunsch nach Vereinigung auch. Nur wollten und konnten sie nicht loslassen.