Das Leben ist schön. Im Mai. An der Cote d'Azur. Angenehme 20 Grad, die Sonne nicht zu heiß, es weht ein laues Lüftchen. Am Flughafen von Nizza begegnet einem gleich die französische Lebensart. Der Kurzzeitparkplatz heißt hier "Kiss and Fly" und während die begüterten Damen ihre erfolgreichen Ernährer mit einem Luftkuss aus der höhergelegten Edelkarosse verabschieden, suchen wir derweil nach Bus Nummer 23. Für ein Euro fünfzig fährt das öffentliche Großraum-Sammeltaxi in die Innenstadt.

Wie man hört soll Nizza runtergekommen und teuer sein. In der Tat erweisen sich Fassaden und Fensterlackierungen nicht mehr ganz so frisch wie jene der Neubausiedlung Weiherfeld in Langenhagen-Kaltenweide. Dafür muss das Wohngebiet im Norden Hannovers auf das mediterane Lebensgefühl der französischen Riviera verzichten. Jedem das seine. Sollte die Wahl des Urlaubsortes wieder einmal anstehen, wird der Zeitpunkt des letzten Außenanstrichs erneut ein niedrig priorisertes Entscheidungskriterium werden.

Zu entspannt lässt es sich durch die unzähligen Gassen und Winkel in der Gegend flanieren. Zu schön und reichhaltig ist die Auswahl auf den stimmungsvollen Märkten. Zu sehr lockt die Umgebung mit tollen Ausflügen in eine Landschaft die keinen kalten Winter kennt. Diese Vorzüge gefallen scheinbar auch anderen Leuten. Das Preisniveau liegt deutlich über dem von Kaltenweide. Sehr deutlich.

Die Reise beginnt indes recht holprig. Kurz nach Verlassen des heimischen Bahnhofs stelle ich fest, dass die erhoffte Geldbörse nicht in der gewohnten Jackentasche zu finden ist. Der morgendliche Kleidertausch war in der Reiseplanung nachrangig angesetzt. Man hätte auch die Zahnseide oder eins der überschüssigen Hemden vergessen können. Nein. Das Portemonnaie sollte es sein.

Entgegen des Vorsatzes keine elektronischen Geräte mitzuführen, hatte ich mich trotzdem zur Mitnahme des geliebten Smartphones entschlossen. Eine gute Entscheidung. Das mobile Web erlaubt mir beim Weg zurück auf Los die erneute Buchung eines Flugtickets. Oder besser: Von zwei, na, eigentlich vier Beförderungsberechtigungen. Auch die Bahn will unseren Aufenthalt in ihr vergolten sehen. Denn nicht Hamburg sondern Düsseldorf bekommt nun die Ehre uns Richtung Süden zu verabschieden.

In zehn Tagen bereisen wir Nizza, Cannes und Sanremo. Europa an seinen Binnengrenzen zu erleben, erweist sich wieder einmal als sehr reizvoll und erkenntnisreich. Wir haben uns zur Erkundung der Region per Schienenchauffeur entschieden. Im Gegensatz zum Autofahren muss man nicht selbst arbeiten, kann die Ausicht genießen und sich darauf verlassen, dass die lokalen Verbindungen neben den Stoßzeiten wenig besucht und oft pünktlich sind. Stimmt auch.

Natürlich werden einem auf diese Weise Orte präsentiert, die den malerischen Landschaftseindruck korrigieren. Die Überfahrt vom Departement Alpes-Maritimes nach Ligurien erinnert an die Überquerung der Oder und den Unterschied zwischen Brandenburg und der Woiwodschaft Lebus in Polen. Kaum ist die Landesgrenze Richtung Osten passiert, sieht alles dunkel und abgeranzt aus. Vom Bahnhof aus gesehen, hat sich der Grenz- und Umsteigeort Ventimiglia das Prädikat "runtergekommen" wirklich verdient. Hier möchte man nicht tot über'm Zaun hängen.

Die Luxusautodichte im französischen Teil ist höher als andernorts. Ungern bezahlt man für eine chocolat chaud fünf Euro. Ohne Sahne versteht sich. Nebenan ist schließlich Filmfestival. Zum 67. Mal. Die Glamourwelt trifft sich in Cannes. Und mit ihr die touristischen Massen. Wenn die Anzahl der Asiaten die der Einheimischen übersteigt, dann muss etwas besonderes los sein. CeBIT zum Beispiel oder eben Festival de Cinema. Trotz ihres Sprachstolzes präsentieren viele Geschäfte ihr Angebot mehrsprachig. Von asiatischen Schriftzeichen ist aber keine Spur. Der gemeine Fernostler kommt wohl zu selten.

Im Hafen reihen sich prächtige Yachten nebeneinander auf. Der Schampus wird gegen Mittag vom Hubwagen in die Kombüse gebschleppt. Dieses lädierte Flufördervehikel sieht neben den hochglanzpolierten Ozeankreuzern deplatziert aus und wird auch wieder weg sein, wenn die oberen Zehntausend eintreffen. Unterdessen verabreicht man den Kähnen die finale Politur. Barfuss oder auf Strümpfen. Muss ungeschriebenes Hafengesetz sein. Denn keiner der Deckarbeiter trägt Schuhe.

Man stelle sich nur mal vor: Da begegnen dem schwer festivalbeschäftigten Milliardär Gummiabrieb oder gar Druckstellen auf seinem sündhaft teurem Schiffsparket aus Tropenholz. Quel malheur! Die Gedanken schmücken die Szenerie am Abend aus: Die Damen bekommen zu ihrer exklusiven Haute Couture Filzpuschen beim Betreten der Yacht gereicht. Nebst Champagner. Den Bootseigner freut's. Dem verlegten Regenwald ist's herzlich egal.

Für die Besucher auf der mittleren Stufe der Nahrungsleiter stellen sich andere Probleme. Das örtliche Busunternehmen hat sich den Festivalauftakt für einen Streik ausgesucht. Manche Busse fahren gar nicht, andere sehr unregelmäßig. Die, die fahren, sind immer proppevoll und überhitzt. Als Gegenleistung dafür sind sie kostenlos. Bei nur einsfünfzig pro Tour ist das kein guter Deal.

"Mutte Gedui habe" sagt meine thailändische Perle und lächelt. Na gut. Schon öfter auf dieser Reise führt mich dieses mit der Muttermilch aufgesaugte Laisser faire asiatischer Prägung zur entspannten Geisteshaltung. Ich praktiziere dazu yogische Bauchatmung und beobachte wie mich Julia Roberts an der Bushaltestelle angrinst. Vom Werbeplakat. Die Anzeige für ein neues Parfum soll gute Laune verbreiten.

Noch während sich die Bürger zweiter Klasse über die Unbequemlichkeiten im öffentlichen Nahverkehr aufregen, blüht der Schwarzhandel vor allem im italienischen Teil der Küstenregion. Dem in Steuerfragen geübten Auge fällt auf, dass der arbeitsunwillige Außendienst mit westafrikanischem Migrationshintergrund seine Sonnenbrillen und Regenschirme nur wenig motiviert feil bietet.

Alleinstellungsmerkmal der außen einfarbigen Schirme ist die Darstellung des Deckengemäldes der Sixtinischen Kapelle auf der Innenseite. Die wohlgenährten schwäbischen Ausflügler schätzen die Angehörigen dritter Klasse gering und nippen an ihren überzuckerten Espressi: "Worübr han mir grad greded?"

Die lokale Jugend versucht in Cannes dem Big Spender Habitus der Schönen und Reichen gerecht zu werden. Es tönt nervige Popmucke aus dem zusätzlich verbauten Subwoofer des zehn Jahre alten verbeulten Cabrios französischer Bauart. Im Gegensatz zum stilechten Auftritt der voll begardinten Luxuslimosine englischer Herkunft wirkt dieser lautstarke Auftritt sehr bemüht. Und irgendwie lächerlich.

Das Mädchen im Cabrio trägt ein Tanktop mit der Aufschrift: Be adored, be loved, be you. Man sieht ihrem nordafrikanischen Lover an, dass er sich mit diesem neuzeitlichen Mantra schwerer tut als sie. "Tausche Körperschmuck gegen schmucken Körper" funktioniert halt besser, wenn die Taschen tiefer sind. Das Maß an Selbstzufriedenheit wirkt bei den Stadtgängern authentischer, die die City im Abendkleid und Smoking durchwandern. Um 16 Uhr. Man hat noch was vor heute Abend.

Keiner weiß, wann der nächste Bus kommt. Die künftigen Passagiere tragen ihr Schicksal inzwischen mit Fassung. Frau Roberts grient etwas zu üppig, während ich ihre überdimensionalen mit Photoshop geweißten Zähne betrachte. Sie sieht sichtbar älter aus als die jungen Dinger, die überall für Bademoden werben. Und mein Auge immer wieder von der Architektur weg hinzu für mich ungeeigneten Textilien wandern lassen.

Zurück in Deutschland bietet der Wok-Imbiss am Hamburger Hauptbahnhof gluten-, glutamat und selbstredend fleischfreie Nahrungsmittel an. Alles organic. Dafür gibt es keine Stühle. Man isst im Stehen. In Frankreich und Italien haben Veganer kein leichtes Leben - wer am Mittelmeer das frische Seafood verschmäht, muss ein Problem haben. Oder einen gut gefestigten Glauben. Immerhin kann man seiner Konfession im sitzen fröhnen.

Dafür bleibt in Deutschland scheinbar keine Zeit. Alles is(s)t Bio und hat Stress dabei. Komische Mischung. Der Junge im Starbucks vor mir wird wie immer nach seinem Namen gefragt. Adolf schreibt der leidenschaftslose Kassierer auf den Pappbecher. Das Kundenhähe induzierende Verhör provoziert eben auch Abwehrreaktionen. Ich überlege kurz das lustlose Minenspiel des Verkäufers durch den meine Namenswahl anzuregen. Joseph oder Heinrich geht mit durch den Kopf.

Auf dem Bahnsteig wittert meine Nase Zigarettenrauch. Und das obwohl ich gut 30 Meter vom Raucherbereich entfernt stehe. Genüsslich an der Fluppe ziehend wandert der Kippenliebhaber zu seinem Stellplatz. Ich höre mich insgeheim darüber schimpfen, wozu denn Regeln da sind, wenn sie nicht eingehalten werden. Ja, ich bin wieder daheim. Aber ein Blick zur tiefengechillten Perle genügt. Mit heiterem Gefühl denke ich, erneut auf Fahrgastbeförderung wartend, an den Werbeclaim unter Pretty Woman an der französischen Bushaltestelle: La vie est belle.