General Singh hat sich nicht nur drauf spezialisiert, die Physis unaufhörlich zu martern, sondern gefällt sich auch darin, das gepamperte westliche Ego zu drangsalieren. Meine Talentneutralität in bestimmten Asanas bringt mir einen besonderen Namen ein: The Cat. Gemeinhin gelten Katzen als sehr beweglich - ich hingegen stehe Pate für den bürostuhlverkorksten Bewegungsapparat. Fairerweise segnet die Natur noch andere Menschen im Obelixschen Duktus mit eher schweren Knochen. Mission Impossible angesichts der Aufgabe die Füße hinter’m Kopf zu kreuzen.

Als die Ausbildung fast vorüber ist, schlägt nochmal der Blitz der Verzweiflung ein. Nur wenige Tage vor der Prüfung will ich den verfluchten Bettel hinschmeißen und einfach nur weg. Ohne ersichtlichen Grund eigentlich. Alles ist schuld. Und nichts. Und Indien sowieso. Alles mega-verpekt und super-versifft hier. Mir fällt gottgelobter Weise der Ratschlag meines Patenbruders ein: Wenn nix mehr geht, höre klassische Musik! Die Instrumentalversion von "Caro Mio Ben" wird mein Lebensretter. Mir wird klar, dass ich erneut das militärische Credo des "erst brechen und dann langsam aufbauen" durchlaufen habe. Gut so. Das Zermahlen alter Gewohnheiten zieht nicht nur ein gestärktes Selbstvertrauen, sondern auch fünf Kilo weniger Körpergewicht nach sich.

Die Rückkehr nach über 40 Tagen Karma-Waschmaschine hat ihren eigenen Charme. Der Fahrer kommt volle 20 Minuten ohne Hupe aus. Na gut, es ist nachts um 3:38 Uhr als wir starten. Die Rückfahrt nach Delhi wird begleitet von sturzbachartigem Regen und Tageslicht provozierenden Blitzen. Erneut auf der Rückbank eines Kleinwagens sitzend erinnere ich mich an zwei bemerkenswerte Erlebnisse.

Nach der ersten großen Shoppingtour treffe ich einen der orangegewandeten Babas vor einem Haus, das nur aus Grundmauern besteht. Keine Außenwände oder Dach, geschweige denn Fenster und Türen. Er winkt mit einer einladenden Handbewegung zu mir rüber und ruft: "Welkom tu mei Asch-ramm". Dankend lehne ich ab. Im Rohbau-Stadium bin ich yogisch betrachtet schon selbst. Der Baba wirkt angespannt und abgekämpft. Man sieht ihm die erfolglose Jagd nach Devotees an. Sich selbst hat er dabei ein wenig verloren. Ja, das Guru-Business ist kein Streichelzoo.

Ganz anders ist die zweite Begegnung. Auf dem Rückweg von der letzten Einkaufsrunde ist aus der Ferne ein Lagerfeuer am Hang erkennbar. Als wir näher kommen, sehen wir einen Baba am Feuer sitzen. Hinter ihm hängen drei Kleidungsstücke auf der Wäscheleine, die zwischen zwei Bäume gespannt ist. Der dünne Mann um die 50 rührt wonnegeladen und gelassen mit einem Stock in der ebenerdigen Kochstelle. Ein leerer Speisetopf steht neben ihm. Er sieht uns nicht und blickt wortlos in die Flammen. Nach fast sechs Wochen muss ich feststellen: Ich schaue in das zufriedenste Gesicht von Rishikesh. Dem malerisch verträumten Dörflein am Ganges, das voller Widersprüche ist. In dem man tagsüber Flipflops und abends Wollsocken trägt. So fühlt es sich an im Maschinenraum des Lebens. Tief unten werkelnd im Souterrain der Seele.