Am gegenüberliegenden Ufer thront das feine Hotel Sanskriti, das in Leuchtschrift seine Präsenz verkündet. Alle Buchstaben sind illuminiert bis auf drei. Die Letter 'ans' bleiben dunkel. Nachdem ich in den zurückliegenden Tagen erfahren durfte, dass sich das spezielle Ashtanga-Verwöhnprogramm recht intensiv für meine fast vier Lebensjahrzehnte anfühlt, scheinen mir die Götter ein Zeichen geben zu wollen. Im Französischen steht die Zeichenfolge 'ans' für das deutsche Wort 'Jahre'. Ok. Verstanden. Ich kümmer' mich ab jetzt nicht mehr um mein Alter. Was - nebenbei gesagt - deutlich leichter beschlossen als umgesetzt ist. Aber auch ein langer Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Nach zwei Wochen realisiere ich meine Umgebung wieder. Wie schön. Körper und Geist haben sich an die Pein gewöhnt. Inzwischen finden die 90-minütigen Atemübungen um halb sieben statt und sorgen für den korrekten Kickstart in den Tag. Wer einmal die Wirkungen von Pranayama zu schätzen gelernt hat, kann über den Effekt von Kaffee nur milde lächeln. Keine noch so schonend geröstete Hochlandbohne kann es mit der Feueratmung Kapalabhati aufnehmen. In der Pause spendiert uns eine Kursteilnehmerin Kostproben aus einer lokal gekauften Tüte Mandeln. Auf der Verpackung steht "Käse aus Mecklenburg". Indien, ick liebe dir!

Die Meditationsdauer ist mir schon nach Halbzeit der Ausbildung zu kurz. 30 Minuten sind einfach zu wenig für das entspannte Beobachten der Prozesse, die durch das Schleiferprogramm freigesetzt werden. Als wir uns ein Meditationsobjekt suchen und die Gedanken darauf konzentrieren sollen, schwirrt mein Geist in den Erlebnissen der letzten Tage. Bis er eine echte Herausforderung erhält. Leicht verspätet erscheint die junge tulpenwange Amerikanerin mit indischem Migrationshintergrund zur täglichen Sitzung. Mit nassen Haaren und Hotpants. Sie setzt sich seelenruhig zirka einen Meter von mir entfernt auf ihre Decke. OMG. Der Duft des frisch gewaschenen Hauptes nimmt mehr Raum ein als ihr yogisch idealförmig gemeißelter Körper. Die Meditation schickt sich somit ungewollt zu einer weiteren Prüfung an. Ich versage. Der Gedankenfasching ist nicht kontrollierbar.

Wieder einmal. Wird doch die Semantik des Wortes Kontrolle auf indischem Territorium in Grund und Boden gerieben. Nichts ist hier kontrollierbar. Der Fluss fließt wie er fließt. So kümmert der mit unregelmäßiger Regelmäßigkeit eintretende Stromausfall nach dem dritten Mal auch keinen Touri mehr. Man geht seelenruhig zum Beistellschrank und holt Kerzen. Oder genießt die Dunkelheit, die zuweilen von singenden Wander-Mönchen belebt wird. Das sowohl optisch als auch geschmacklich herausragende Erlebnis des 6-Uhr-Tees am Ganges wird auf diese Weise um auditive Elemente angereichert: "Govinda jaya jaya, Gopala jaya jaya". Ich stimme ein.

Werde ich schleichend, aber unaufhaltsam zu einem Hindu? Unsere Lehrer hatten uns vorgewarnt: "Ju will piel laig an onien". Deponiere ich meine Kleidung zu Beginn der Ausbildung noch so akkurat im Schrank wie der Rekrut des Monats, bin ich nach drei Wochen nicht mehr der Stolz der Kompanie. Ich begnüge mich damit die Textilien mit leicht abfälliger Handbewegung ins Einbaumobiliar zu befördern. Bedeutungsverschiebung aller Orten. Dinge, die vorher sooo wichtig waren, sind es jetzt nicht mehr. Viele weltliche Belange rangieren inzwischen unter LMA.