Apropos Erlebnisdichte. Der freie Tag beschert uns auch das Vergnügen auf dem Dach unseres Wohnhauses Kriya Yoga praktizieren zu dürfen. Reinigende Übungen kurz nach Sonnenaufgang. Wir beginnen mit leichter Kost: Nasendusche. Gesalzenes Wasser läuft durch ein Nasenloch rein und durch's zweite wieder raus. Mein geschundenes Ego richtet sich mühsam daran auf, dass ich den Lehrern mitteile, dass das Wasser zu salzig sei. Nach fünf Jahren Selbsttest fühlt mein Riechkolben quasi blind, ob sich die Emulsion in einem optimal isotonischen Mischungsverhältnis befindet.

Die Gruppe erweitert die klärenden Sinneseindrücke unter Zuhilfenahme von kugelschreiberminendicken Gummibändchen. Zunächst im Salzwasser angewärmt sind diese sodann in ein Nasenloch einzuführen. Ziel ist, besagtes Erdbeer-Smoothie-rotes Bändchen durch den Rachen wieder ans Tageslicht zu zaubern. Mittel- und Ringfinger helfen dabei den rutschigen Winzling am Rachenzäpfchen vorbeizuschleusen. Da ich die Prozedur wesentlich leichter beim linken Nasenloch durchführen kann, wird mir eine Chandra-Dominanz attestiert. Die Mondenergie übervorteilt quasi die der Sonne.

Chrissi und ich haben noch Kapazität. Wir schließen Vamana an. Therapeutisches Erbrechen. Hierfür verabreichen wir uns oral einen Liter der zu stark gesalzenen Wassermische in hockender Position. Auf diese Weise verführen wir den Magenpförtner nicht zu seiner Lebensaufgabe und behalten die Flüssigkeit dort, wo wir sie mit Freude wieder nach oben befördern können. Jedem, dem das Bouquet von zu viel Meerwasser geläufig ist, weiß, dass bereits ein kurzes Stimulieren des Halszipfelchens den sofortigen Austritt der Flüssigkeit anregt. Mit ein bisschen Übung kotzt man im sprichwörtlichen Strahl. Fortgeschrittene machen daraus einen Wettkampf: Wer wohl weiter speit?

Yoga ist ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Um fünf Uhr Ortszeit aufstehen bedeutet mit noch leicht vorhandenem Jetlag das Zurückschlagen der Bettdecke nachts um halb eins nach deutscher Uhr. Ich habe Husten, Schnupfen, Glieder- und Kopfschmerzen. Bis auf die Kaumuskulatur tun alle Fasern meiner irdischen Präsenz nicht einfach nur weh. Torso und Peripherie brennen so lichterloh wie das Fegefeuer im Vestibül zur Hölle. Schmerzen sind, wenn Muskeln weinen. Meine wimmernde Stimme wird von der Zuversicht Chrissis verdrängt. Er schlägt sich mit der flachen Hand auf seine breite Brust und verkündet: "Pain is just another feeling!" Die Kraft für Widerworte vermissend, lasse ich sein Mantra ungehindert in mein Unbewusstes einsickern.

Und siehe da: Nach einer guten Woche sind die schlimmsten Qualen gewichen. Ich wache um 4:30 Uhr auf. Ohne Wecker. Und gehe jeden Morgen zum Ganges. Schon vor 6 Uhr gönne ich mir den ersten Chai Masala. Eine Schwarzteemischung mit Milch und anderen Gewürzleckerlis, die bei den verranzten Straßendealern am besten mundet. Unser Philosophie-Lehrer wird später den beindruckenden und alles relativierenden Satz sagen: "Ju kahnt stop se riwwa fromm flohing." Majestätisch bahnt sich Ma Ganga ihren Weg. Ich beginne die Tortur langsam zu genießen.