Das Yoga der Leistungsgesellschaft unterscheidet sich kolossal von meiner bisherigen Mattenerfahrung. Knapp 70 Posen durchläuft der performanceorientierte Ashtangi in 90 Minuten. "Wan bress, wan muhwment." schreit der in weiß gewandete Yogalehrer-Brigadegeneral nachdem er uns wiederholt an das Setzen unserer Verschlüsse erinnert. "Fokiss jur eniss!" Das Anspannen des Beckenbodens mit zwanzigprozentiger Kraft nach innen oben soll dabei helfen die Übung noch intensiver und korrekter durchzuführen. "Hach, wenn ich doch nur schon bei dieser Problemlage wäre" quatscht mein unruhiger Geist während er eine schleichende Ahnung davon bekommt, worauf er und sein umgebender Körper sich eingelassen haben. OMG.

Kein spiritueller Überbau, wenig Gesang, kaum Zeit in einer Pose zu verweilen. "Äweri Assana feiw bress" brüllt der das S zischende General Singh aus der anderen Hallenecke. "Juhss jur kohr massels"! Ja gerne doch. Nur wo sind die? Die recht maskulin daherkommende Form der Leibesertüchtigung wirkt wie ein körperlicher Frühjahrsputz in einem jahrzehntelang verschollenen Kellergewölbe. Bereits am zweiten Tag erreiche ich mein Limit. Vor'm inneren Auge läuft schon der Abschiedsfilm aus diesem Leben. Der Existenz müde bin ich bereit mich in die eisigen Ganges-Fluten zu stürzen um meinem unwürdigen Dasein ein Ende zu machen. Ich kann nicht mehr!

Da naht die Rettung. An Vollmond- und Neumond-Tagen wird nicht praktiziert. Wegen der Energie. Die ist zu dolle zu dieser Zeit. Die Inder glauben fest daran, dass die meisten Unfälle immer dann geschehen, wenn sich Sonne, Mond und Erde auf einer Achse befinden. Deshalb hat die Gruppe gleich am dritten Tag frei. Welch Erlösung. Ich kann den überstrapazierten Leib schonen. Da die übrigen Herrschaften noch energetische Reserven locker machen können und die Region erkunden wollen, erschließen wir uns das Terrain barfuß zu erobern.

Recht bald verfestigt sich der subjektive Eindruck für irgendetwas berühmt zu sein. Die Leute bitten uns mit einer höflichen Mischung aus Neugier und Rücksichtnahme um Fotos. Und fragen sogar nach der Facebook ID. So müssen sich 17-jährige Models fühlen. Man wird bewundert für eine Genkombination zu der man nichts beigetragen hat. Weiße Haut und eine lange Nase sind ausreichend. Geschenkter Ruhm, der herzlich willkommen ist. Nach der Intensiv-Kur der ersten beiden Tage nehme ich alles was ich kriegen kann. Balsam für die gepeinigte Seele.

Um die Laune obschon des recht hakeligen Geläufs zu optimieren, rufen wir kurzerhand die Bi-Dabbelju-Äj ins Leben. Viele Gründungsmitglieder für die Barefoot Walking Association finden wir allerdings nicht. Denn zum Aufnahmeritual gehört ein mutig-bescheuerter Sprung in einen frischen Kuhfladen. Mit beiden Füßen. Den haptisch Interessierten sei verraten, dass sich die Erlebnisdichte dieser Behandlung nur unwesentlich von der teuer bezahlten Fangopackung beim heimischen Physio unterscheidet.