So fühlt es sich an im Maschinenraum des Lebens. Tief unten werkelnd im Souterrain der Seele. Noch kurz vor der Ausbildung flaniere ich frohen Mutes auf den touristisch kolorierten Straßen rund um die Brücke Laksman Jhula. Wie zu besten deutschen Wahlkampfzeiten sind hier die Lichtmasten beflastert. Mit allerlei Offerten aus der Welt des Yoga, Ayurveda und Tantra. Mein Blick streift ein Poster mit dem sich der gemeine Westler uneingeschränkt identifizieren kann. Und will. Triggert es doch das Kardinalversprechen fernöstlicher Spiritualität an und verspricht ultimative Erfahrungen auf dem Jakobsweg der Yogis: "Let's discover Guru inside." Der hinduistische Camino führt allerdings nicht nach Santiago de Compostela, sondern Richtung Samadhi, der seligmachenden Endstufe menschlichen Bewusstseins. Auf geht's!

Ort des Geschehens ist Rishikesh. Ein malerisch verträumtes Dörflein am gebirgsauslaufenden Ganges. Der Fluss ist noch klar hier. Und kalt. Mein Weg führt zum Tattvaa Yoga Shala, einer recht prachtvollen Steinhalle nahe der sagenumwobenen zweiten Brücke Ram Jhula. Auf dem Programm stehen 200 Stunden Yoga Teacher Training in einer sehr dynamisch orientierten Disziplin des Yoga: Ashtanga-Vinyasa. Wandelte ich vorher viele Jahre auf einem eher beschaulichen Yoga-Pfad, werden die folgenden Tage mein körperlich-geistiges Selbstverständnis umfänglich demontieren. Aber das weiß ich zu Beginn noch nicht. Zum Glück.

Langsam trudeln die Gruppenteilnehmer aus allen Himmelsrichtungen ein. Man lernt sich zaghaft kennen. Für längeren Gedankenaustausch bleibt keine Zeit. Denn die Einweisung des Lehrpersonals wäscht jedem Ganges-Romantiker sportlich die Haare. In 20 Minuten skizzieren die beiden energischen Herren genüsslich, was sie in naher Zukunft mit uns vorhaben. Und um gleich klar zu machen wo die Reise hin geht, zielen sie mit der ersten Begrüßungssalve direkt ins Herz westlicher Urlaubsfantasie: "Dies werden keine Ferien!" Die Stimmlage der streng drein blickenden Inder verrät, dass ihnen nicht zu scherzen beliebt. Die meinen dit ernst.

"Du kaufst hier kein Yogalehrer-Zertifikat. Du musst es dir verdienen." Wieder prasselt so ein markiger Satz im steinernen Aquarium des Tattvaa Yoga Shala auf die Aspiranten nieder. Meine Gedanken formen sich zu "OMG". Oh. My. God! Im Angesicht bevorstehender Schwierigkeiten wird man gern religiös. Wir erhalten nach der Brandrede ein rot-gelbes Bändchen ans rechte Handgelenk geknüpft. Clevere Idee. So dürfen sich die Rekruten bei jedem Handgriff an ihr Versprechen erinnern. Schon beim Zähneputzen kurz nach 5 Uhr morgens schwenkt das stoffgewordene Mahnmal leicht unterhalb der Handwurzel rhythmisch im Takt der Gebisspolitur.

Wir sind 16 Teilnehmer, 13 davon weiblich. Da es ein Typ sowie drei Chinesinnen nicht in die Auswahl schaffen, beschließen mein deutscher Zimmergenosse Chrissi und ich im Anflug nahöstlicher Haremsfantasien, dass auf jeden von uns fünf Damen kommen. Das ist eine Quote mit der sich ruhig einschlafen lässt. Kurze Zeit später wird uns gewiss, dass für außerplanmäßige Aktivitäten weder Kraft noch Zeit bleiben. Aber egal. In die Verlosung kommen Mädels aus Europa und Amerika alle zwischen 20 und 30. So sieht sie aus, die junge und megafitte Frauengeneration geboren in den späten Achtzigern. Die, die Selfies von ihrem Po machen sollten und für die auch Handstand und Co. nur kleine Hürden darstellen. Irgendwie beeindruckend und beängstigend zugleich.