Genrell geht die "Auge-Hand"-Koordination vor der Übertragung von "Auge-Fuß". Die Hupe kommt dem Bremspedal zuvor. Tatsächlich ist die räumliche Entfernung von Kopf bis Fuß länger als zur Hand. "Aber das ist doch dem Nervensystem egal", denke ich mir und werde eines Besseren belehrt. Instinkiv wird erst das Signalhorn bedient und dann die Bremse. Denn wer nicht hupt, muss auf jeden Fall abbremsen. Handarbeit spart Fußwerk.

Im dichten Asphaltgewirr bevölkern neben Autos, Mopeds und Rikshas auch Fahrradfahrer, Fußgänger, Hunde und Kühe die Straßen - völlig egal ob ein- oder vierspurig. Auch per Gegenverkehr versteht sich. In Deutschland werden alle Polizei- und Radiostationen im nahen und entfernten Umfeld alarmiert, wenn sich Lebewesen auf der Fahrbahn befinden. Die Menschen der Autonation Nummer eins sehen es als Beleidigung gegen ihre neuen, schnellen und hochglanzpolierten Boliden an, wenn die Schnellstraßen mit benzinlosen Subjekten belebt werden.

Die Inder hupen derweil die unmotorisierten Hürden aus dem Blickfeld. Man arrangiert sich auch ohne Obrigkeit. Die Tonalität des Horns gibt das Maß an Respekt vor. Es gilt das Recht des größeren Vehikels. Die Bus- und Truckhupen sind derart laut, dass sie zusätzlich zum Tinnitus provozierenden Lärm auch eine leichte Druckwelle auslösen. Mein erschüttertes Trommelfell verweigert meinen Beinen für kurze Momente das Gleichgewicht. Ich taummele Richtung Schmuckauslage.

Diese Ehrfurcht einflößenden Kommunikationsbotschaften dienen lediglich der Vorabinformation. Ist nicht bös' gemeint. Nur höflich. Schließlich will man die schwächeren Verkehrsteilnehmer wissen lassen, dass man sich mit überhöhter Geschwindigkeit nähert. Als zuvorkommendes Völkchen der eleganten "Yes Sir"-Mundart bedienen alle Fahrer jeglichen Gefährts ihre nervtötenden Lautmaler nur all zu gern. "Welkom tu mei kauntri" sagt der innere Yogi während meine gewohnte Geh-Motorik wieder einsetzt.

In Neu-Delhi ist unterdes Festival-Zeit. Die Leute tragen bunter Kleider, lachen über beide Ohren und werfen sich Bananen und Pfirsiche zu. Hare Krishna, Hare Rama. Das Mahamantra schallt aus majestätisch kindsgroßen Boxen der Marke JBL. Die Botschaften für den Weltfrieden wollen schließlich gehört werden - von schätzungsweise 50 Millionen Menschen, die die Hauptstadt zu dieser Zeit beherbergt.

Schön und gut: Auf den benachbarten Spuren wird einem schöneren, besseren und friedlicheren Dasein gehuldigt. Das hält die Taxifahrer nicht davon ab, ihre Vehikel gekonnt durch sämtliche Unwegbarkeiten das zähflüssigen Miteinanders zu manövrieren. Ein komplexes Zusammenspiel aus den klassischen Bedienelementen des Autofahrens verbunden mit einer raffiniert ausgeklügelten Symbolik des Hupens, Schneidens und Fluchens.