Während sich die Gaumenfreude in mir entfaltet - man ahnt es - spüren die Geschmacksnerven sehr wohl ein schärfendes Element. "No speici" heiß nicht "nicht scharf". Hier bedeutet es: "nicht ganz so scharf". Leicht mit den Elementen kämpfend teile ich dem Kellner-Koch mit, froh über meine Wahl zu sein. "Speisi" hätte ich nicht überlebt, höre ich mich sagen. Jetzt lacht er lauthals auf und geht heiter von dannen. Ohne Kommentar seinerseits.

In deutschen Restaurants wird dieses Geschmackserlebnis als pikant gepriesen. Lächerlich für die würzerprobten Asiaten. Die thailändische Perle würdigt solche Gaumenfreuden als "Kindergarten". Meine gustatorische Sozialisation ist eben mitteleuropäisch. Auf der fernöstlichen Schärfe-Erziehungs-Skala belege ich einen Vorschulrang. Zur Gänze ein perspektivloser Bildungsgrad, aber mein Verdauungstrakt und ich können damit in Frieden leben.

Und überhaupt Schärfe. Das alltägliche Indien müsste auf einer National-Menükarte mit mindestens acht bis zehn Chillischoten ausgezeichnet werden. Nicht nur das Essen, sondern auch der Verkehr sind ziemlich scharf. Wobei ich nach deutschem Verständnis den Begriff Verkehr doch deutlich regelhafter definiert sehe. Geradezu zombiehaft wirkt das einvernehmliche Tun auf deutschen Straßen im Gegensatz zur Lebendigkeit auf hiesigem Geläuf.

Der Trip startet indes recht erlebnisarm. Als weltreiseerfahrener Vielflieger absolviere ich die zwölfstündige Anreise mit Bravur. Mit Stolz auf meine Souveränität lasse ich die erniedrigenden Flughafenkontrollen, die geschmackarmen Instant-Mahlzeiten und den elenden Bewegungsmangel über mich ergehen. Mal eben Hannover - Neu Delhi, Kleinigkeit.

Der geschwellten Brust bleibt keine Zeit zur Selbstgefälligkeit. Schon der nächste Tag zeigt mir erneut meine Stellung auf der Hierarchieleiter der Indienexpertise. Das unmissverständliche und eindeutige Resumee der achtstündigen Taxiüberfahrt nach Rishikesh ist vernichtend. Auf dem virtuellen Hanuman-Zertifikat der Hingabe an eine neue Situation steht in großen Lettern: Blutiger Anfänger.

Obwohl ich zuweilen im Kleinwagen der Marke Tata abnicke, geht mir die Reise ins Hochland durch Mark und Bein. Ohne jegliche Vorwarnung durchlebe ich eine Tour, die Wildwasser und Achterbahn zu einem Puppenspiel degradieren. Bei letztgenannten Vergnügungen ist der Rahmen stets so gesetzt, dass Überleben oberste Priorität für das Durchführen der Angelegenheit ist. Dem typisch indischen Verkehrsteilnehmer hingegen gerät die biologische Fortexistenz des Lebens nur zum beiläufigen Kriterium.