Indien verschlingt dich mit Haut und Haaren, kaut dich richtig durch und lässt dir schließlich zwei Optionen. Wobei - ehrlich gesagt - eine Wahl hast du eigentlich nicht. Entweder wirst du gnädigerweise verschluckt. Dann bist du mittendrin, genießt die Karma-Waschmaschine und hast dich in das Chaos verliebt. Oder du wirst verächtlich ausspuckt. Untrügliches Zeichen dafür ist das Gefühl die Anreise sogleich zu bedauern und eine Wiederkehr kategorisch auszuschließen.

Die Zerlegung meines Selbst in seine unwürdigen Bestandteile hält an. Nach zwei Tagen ist mir die Gnade einer endgültigen Entscheidung durch ihre Hoheit noch nicht zuteil geworden. Incredible India wird sich noch früh genug herablassen mir ihr Votum zu verkünden. Mit dem leisen Gefühl es wenigstens in den Recall geschafft zu haben, versinken die ersten beiden Novembertage in unvergesslicher Erinnerung.

"If ju doont leik speisi, doont go India" sagt der weise Yogi an meiner inneren Tafelrunde. Ich bestelle das Einzige was ich bis dato an indischer Küche verstehe: Mixed vegetables. "No spicy" füge ich hinzu. Der freundliche Kellner-Koch lächelt milde: "I know Sir." sagt er und verschwindet in dem als Küche fungierenden Verschlag fast ohne Tageslicht.

Er scheint mir anzusehen, dass ich den Aufenthalt in der gekachelten Abteilung nicht unnötig verlängern möchte und bringt mit ungeahnter Geschwindigkeit das lecker aussehende Mahl an den Tisch. Das heitere Gewürzraten beschert meiner Nase Koriander und eine Nuance Cumin, heimischen Gourmets als Kreuzkümmel bekannt. Reis, Bohnen, Blumenkohl - Gutes kann so einfach sein.

Dankbar für ein wohlduftendes Gericht würdige ich den Anblick des anmutigen Ganges. Der heilige Fluß strömt gelassen dahin. Ab und zu hört man ihn das Aufjodeln der Wildwasser-Rafter verstärken. Er löst bei den Abfahrern das gleiche Gefühl aus, wie eine Achterbahn ihre Insassen zu Jubelrufen nötigt. Nur mit viel edlerem zeitlosen Gestus. Ich denke gerührt über ein Gebet vor der Speisung nach, stelle aber im gleichen Moment fest, dass ich bereits esse. "Betta präi next teim" mahnt der innere Yogi.