Bis zur Beisetzung vergehen zwei qualvolle Wochen. Wir lassen den kleinen Engel in der alten Heimat von A. bestatten. Inzwischen hat sich die Nachricht im Freundes- und Bekanntenkreis herumgesprochen. Zumindest vom Tod wissen nun alle, die uns nahe stehen. Sie versuchen Anteil zu nehmen, doch es hilft nicht. Jegliche Beileidsbekundungen fühlen sich an wie ein Pflaster auf einem Oberschenkelhalsbruch. Das Leid kann uns keiner nehmen. Gegenseitig sind wir zu schwach um uns zu stützen.

Meine Stärke beginnt langsam zu zerbröseln. Mister Tschaka geht die Luft aus. Ich bin am Ende. A. wird hingegen immer stabiler. Sie findet unglaublich viel Zuspruch bei Familie und Freunden. Ich isoliere mich, will von anderen nichts wissen. Wo sie raus geht, ziehe ich mich zurück. Einen Tag nach der Beerdigung beschließe ich mich mit M. zu treffen. Ich brauche sie jetzt und sie ist wieder da für mich.

Inzwischen hat sich auch bei mir eine Todessehnsucht eingestellt. Ich mag nicht mehr und überlege während des Motorradfahrens, ob ich nicht einfach in der Kurve geradeaus gegen den Brückenpfeiler knallen soll. Dann hat das verfluchte Leiden endlich ein Ende. Ich habe aber nicht den Mumm das durchzuziehen und lenke schließlich ein. Dann kann es noch nicht gewesen sein. Irgendwas in mir regt seinen Widerstand gegen den eigenen Tod.

Ende September findet die Trauerfeier statt. Alle Gäste sind aus A.s Bekanntenkreis. Keiner aus meiner Familie und von meinen Freunden steht mit mir am Grab. Ich bin allein. Hartes Brot. Wir flennen uns das Wasser aus den Augen und lassen zum Gedenken Luftballons steigen. Als ich an der schuhkartongroßen Öffnung im Boden stehe und die sterblichen Überreste in die Erde gelassen werden, fühle ich unglaubliche Schmerzen aber auch Befreiung. Nichts kann jemals wieder so schlimm sein, denke ich und beschließe fortan meinen Weg für mich zu gehen. So unbequem das auch werden mag.

Wenige Stunden später verabschiede ich mich von A. und fahre Richtung Hannover. Am nächsten Tag geht der Zug Richtung Süden und ich bin überglücklich mein Lebenslicht wiederzusehen. Die sechs Stunden Zugfahrt in die Nähe von Stuttgart vergehen wie im Flug. Wir verleben unfassbar intensive Stunden, ich will diese Frau mit Haut und Haaren. Und sie gibt sich mir hin.

Ich fühle mit ihr eine Nähe zum Göttlichen und will, dass das nie vergeht. Wir verabschieden uns nach einem traumhaften Spätsommerwochenende in der wunderschönen schwäbischen Landschaft. Ich bin auf der Rückfahrt abwechselnd auf Wolke 7 und in der Hölle. Mir ist das alles zu viel. Hab zwar schon einiges erlebt, aber die Erlebnisse der letzten Wochen haben mir das Mark aus den Gebeinen gesaugt. Ich muss jetzt irgendwie mein Leben neu aufbauen. Nur wie?