Die Nacht ist kurz. Um 5 Uhr schauen wir uns an und wollen einander zwicken. Das war ein schlechter Traum? Nein. War es leider nicht. Wir beschließen spazieren zu gehen. Die Trauerarbeit beginnt. Jetzt oder nie. Ich beichte. Alles. Kaum zwölf Stunden nach dem schrecklichen Verlust schocke ich A. erneut. Sie ahnte etwas, aber diese Wahrheit raubt ihr den letzten Mut. Wir schleppen uns nach Hause. Was machen wir denn jetzt?

Wieder kommt die Hebamme zur richtigen Zeit. Sie gibt uns Kraft, die sie selbst nicht hat. Nun ist auch sie mächtig durch den Wind. Man merkt ihr an, dass sie das Ganze ordentlich mitgenommen hat. Auch wenn es ihr schwerfällt, sie berichtet von den organisatorischen Herausforderungen, die jetzt auf uns zukommen. Die schlimmste davon? Wir müssen einen Kindersarg aussuchen. Wieder ein Erfahrung, die ich nie im Leben machen wollte.
 
Wir überstehen die nächsten Stunden mehr schlecht als recht. Aber immerhin, wir überstehen sie. A. baut zusehends ab. Das ist alles zu viel für sie. Einen Tag später gesteht sie mir, dass sie nicht mehr weiterleben will. Ach du Heiliger! Was habe ich getan? Das darf nicht passieren! Mein über die Jahre antrainierter Zweckoptimismus übernimmt das Ruder. Der Mister-Tschaka-Teil meines Egos reißt die Lage an sich. Ich muss etwas tun!

Am besten weg hier. Raus aus diesem Ort. Dahin wo sie eine andere Sprache sprechen und das Meeresrauschen die Gedanken übertönt. Go West. Keine 48 Stunden nach der Totgeburt unserer Tochter sitzen wir im Zug nach Den Haag. Dieser Ort rettet uns das Leben! Eine wunderbar malerische und liebenswerte Stadt mit englischem Flair und italienischem Ambiente. In Holland. "I totally feel seventeenth Century" sagt ein vorbeifahrender Radfahrer in sein Mobiltelefon. Recht hat er.

Ausgedehnte Spaziergänge an Strand und Promenade geben uns Zeit das Erlebte zu verdauen. Wir reden uns die Gefühle vom Leib. Das tut gut. Die Zeit scheint still zu stehen. Die drei Tage geben uns Hoffnung und Zuversicht, dass das Leben noch etwas für uns bereithält. Was auch immer. Wir sind uns sehr nah. Und doch spüre ich eine unüberwindbare Distanz zu ihr. Mein Herz gehört einer anderen.  

Es gibt nun nur noch ein Leben vor diesem Tag im September und eins danach. Das ist zwar erst wenige Stunden alt, aber in jedem Fall ist alles anders. Wir versuchen ganz normale Dinge zu tun. Gehen shoppen, sitzen lange beim Frühstück, lassen die Seele baumeln. Und können trotzdem nicht fassen, was passiert ist. Das braucht Zeit.