Morgens gehe ich das erste Mal in die stille Meditation und bleibe noch länger sitzen. An diesem Tag will ich irgendwie meine Ruhe. Auch nach der Yogastunde mag ich mich nicht bewegen und trotte nur widerwillig zum Essen. Die Prinzessin geht mir mit ihren Launen etwas auf den Zeiger. Wir verabreden uns für mittags, weil ich ihr bei einer Seminararbeit helfen will.

Um 12:10 Uhr klingelt mein Handy. A. ist dran. Völlig aufgelöst und unter Tränen erzählt sie mir, dass die Ärzte die Herztöne von unserem Sternchen nicht mehr hören. Danach übernimmt die Ärztin den Hörer, A. kann nicht mehr. Die Diagnose ist eindeutig, sagt die Frau am Telefon und mir rutscht das Herz in die Hose. Das Kind ist tot. Gestorben im Mutterbauch an einem Herzfehler.

Ich weiß gar nichts mehr nach diesem Telefonat. Meine Atmung will aussetzen, mein Kreislauf fährt Achterbahn. Ich bin völlig am Boden. Fünf Minuten später klingelt es an der Tür. La M. ist da. Zum Glück. Ich klappe fast ab, sie ist mein Engel in der Not. Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe und sich meine Heulkrämpfe langsam legen, beschließe ich sofort nach Hause zu fahren. Gesagt, getan.

Die Heimreise kommt mir ewig vor. Ist die S-Bahn immer so langsam? Ich bin keine zehn Minuten bei A., da setzen ihre Wehen so heftig und kurz hintereinander ein, dass wir zusammen mit der Hebamme ins Krankenhaus fahren müssen. Wir kommen keine 20 Meter weit bis A. den Satz sagt, den ich nie vergesse: "A., es geht nicht, wir müssen zurück."

Die Hebamme reagiert geistesgegenwärtig und kapiert sofort was los ist. Das Kind will raus. Jetzt! Rückwärtsgang rein, einparken und Anweisung geben. Die Hebamme, die auch A. heißt, ist unsere Rettung - sie sagt zu mir: "Hol' Handtücher und einen Krankenwagen. Schnell!" Die folgenden zehn Minuten vergehen wie in Trance. Alles scheint unwirklich, das Licht, die Luft - um mich herum fühlt sich alles an wie im Film. Ich habe mich noch nie so machtlos gefühlt wie an diesem Tag. Hoffentlich geht alles gut.

Um Punkt 17:05 Uhr schreit sich im Nachbarhaus ein Neugeborenes die Seele aus dem Leib. Die beiden A.s entbinden zur gleichen Zeit die viel zu kleine Maus in Rekordtempo auf der Rücksitzbank eines Toyota Prius. Deformiert und blau verfärbt schlüpft ein totes Wesen, das nur 32 Wochen Lebenszeit hatte. Es ist 31cm groß und nur 590g schwer. Die Kleine war zu schwach für diese Welt.